100 Jahre Christoph-Steinmeyer-Schulgarten

 

                       Folge 6 - Christoph Steinmeyers Beitrag zur Einführung                               des Werkunterrichtes in die Volksschule

  von Jürgen Fuhrmeister



Der Förderverein historischer Schulgarten Räuscherweg -  Natur- und Begegnungszentrum

e. V., feierte vor drei Jahren das hundertjähriges Bestehen des Christoph-Steinmeyer-Schulgartens. Die Bilker Sternwarte hatte 2013 in der Kolumne Bilker Adressen in 5 Folgen das Werk von Christoph Steinmeyer, der 1913 den Schulgarten am Räuscherweg gegründet hat, und seines Mitstreiters Walter Helmrich (ab1917) gewürdigt. Der Schulgarten war die Keimzelle eines im In- und Ausland viel beachteten Projektes, das eigentlich die Jugend der Natur näher bringen sollte. Das Projekt wurde allerdings, bedingt durch die soziale Lage (Verarmung, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und gesundheitliche Unterversorgung) vor, im und nach dem I. Weltkrieg und während des Elends danach, zu einem sozialen Projekt. Darüber hinaus spielte es eine Rolle beim Umbau des Volksschulunterrichtes nach dem I.Weltkrieg. In Folge 6 der Bilker Adressen informierte der Bilker Sternwarte in der Ausgabe 5/2016 darüber.
                                                        
In der Festschrift zur Deutschen Lehrerversammlung Düsseldorf 1927 stellte Steinmeyer, der damalige Rektor der evangelischen Volksschule an der Aachener Straße 39, seinen Kollegen im Deutschen Lehrerverein sein Projekt vor, nach dem er Pestalozzi zitiert hat: „Die Natur enthüllt alle Kräfte der Menschheit durch Übung, und ihr Wachstum gründet sich auf Ge-brauch.“ Dann schwärmt er: „Im Jahr 1913 haben wir mit einem kleinen Stückchen Land von 150 Quadratmeter Größe begonnen und sind nunmehr zu einer Fläche von 100 000 Qua-dratmeter angewachsen. Aus einem Müll- und Kiesgelände ist in jahrelanger, schwerer Arbeit nach dem Urteil der Bevölkerung ein Kinderparadies geschaffen worden.“

Ein undatierter Lageplan des ursprünglichen Konzeptes der Gesamtanlage des Schulgartens, den wir einem Gutachten des Landschaftsverbandes Rheinland (Amt für Denkmalpflege) von 1996 entnehmen, erahnen wir, was Steinmeyer danach beschreibt: „Auf einer 10 000 Qua-dratmeter großen grünen Spielwiese und in einem sich anschließenden 1500 Quadratmeter großen Planschbecken können die Kinder sich tummeln und sich erfreuen. Dem Plansch-becken als Strand vorgelagert ist ein Kiesgelände, das als Sandkasten zum beliebigen Bud-deln wie zu geregelten Unterrichtszwecken dient.  … Große Gemüsefelder, Obst- und Park-anlagen werden von Kindern bebaut und gepflegt. An Mistbeeten lernen die Kinder Anzucht und Pflege der Pflanzen kennen."


 

 

 

 

Auf dem Lageplan oben rechts gegenüber der Freilichtbühne befindet sich die heutige Bilker Adresse: Räuscherweg 40. Hier ist der Eingang zum Zentralschulgarten und zugleich zur Dependance der Elly-Heuss-Knapp-Schule. Auf dem Plan erkennen wir zwei Gebäude die im rechten Winkel zueinander stehen. Steinmeyer setzte sie in seinem Bericht an den Schluss der Aufzählung: „Ein stattliches Werkstättengebäude enthält drei große Werkräume für Papp-, Holz- und Metallarbeiten, ein anderes gleichartiges Gebäude drei Klassen- und drei Bureauräume.“ Das Gutachten des Rheinischen Amtes für Denkmalpflege von 1996 stellte fest: „Seit ihrer Entstehung wurden sie (gemeint sind die gesamten Anlagen des Projektes) permanent für Unterrichts- und Forschungszwecke genutzt worden. Nach dem Gutachten seien die Anlagen „ein geschichtliches Dokument der Schulgärten in Deutschland, speziell in den Großstädten.“ Die genannten Gebäude wurden 1922-1923 von den Architekten Fritz Becker und Erich Kutzner errichtet, die in Düsseldorf mehrere Gebäude gebaut haben, die unter Denkmalschutz stehen. Betritt man das Gelände vom Räuscherweg aus, geht man zunächst am Schulgebäude entlang und hat voraus die querstehende Werkschule im Blick. Die ehemals offenen Loggien beider Gebäude – auf dem alten Foto noch erkennbar – sind in neuerer Zeit verschlossen worden, um größere Klassenräume zu bekommen.

 

 

 

 

 

Quelle: LVR

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Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts habe die Volksschule, das „eigentliche Rückgrat unsrer gesamten Volksbildung eine besondere Pflege und Förderung erfahren“, schrieb der Düsseldorfer Beigeordnete Prof. Dr. Herold in einem Beitrag zu dem voluminösen Sammelband „Düsseldorf. Deutsche Städtebaukunst. Wirken und Werke deutscher Selbstverwaltung. Düsseldorf 1921/1922.“ Zu den vielen Neuerungen zählte er auch die Einführung von Fachräumen, die den praktisch-technischen Ansprüchen der Gegenwart gerecht werden sollten, z. B. Werkstätten für den freiwilligen „Arbeits- und Hand-fertigkeitsunterricht“. In sogenannten Handfertigkeitsschulen sollten bei praktischer Arbeit schon im schulpflichtigen Alter die künstlerischen und handwerklichen Anlagen gefördert und dadurch die Kinder fürs Leben und den späteren Beruf vorgebildet werden. Der Beitrag von Prof. Dr. Herold war gerade erschienen, da wurden die Handfertigkeitsschulen am 1. April 1921 aufgelöst. An Stelle des bislang freiwilligen Handfertigkeitsunterrichtes  wurde der Werkstättenunterricht als Pflichtfach in den Lehrplan der Volksschule aufgenommen. Zunächst erhielten in Düsseldorf 15 Knabenoberklassen der Volksschulen wöchentlich 2 Stunden Werkunterricht in ihrem Stundenplan. Unterrichtet wurden die Schüler von Lehrkräften, die in einjährigen Kursen in einem eigens dafür eingerichteten Seminar eine Ausbildung für den Werkstättenunterricht erhielten. Ab 1929 benannte man diese Ein-richtungen um in Bezirksschülerwerkstätten. Die Einrichtung am Räuscherweg war zuständig für die evangelische und die katholische Volksschule Aachener Straße sowie für die katholische Volksschule Fleher Straße. Diese Werkstätte wurde - wie die anderen auch - 1933 geschlossen. Über die 12 Jahre des „Tausendjährigen Reichs“ liegen nur geringe Informationen vor.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Die 2009 verstorbene Ulrike Scheffler-Rother, Künstlerin, Hochschuldozentin und Politikerin, hat sich in einem bemerkenswerten Aufsatz zu Kunst am Schulbau u.a. mit dem Werden und Wirken des Städtischen Seminars für werktätige Erziehung am Räuscherweg be-schäftigt. Sie schrieb zu dessen Vorgeschichte nach 1945: „Zur Ausbildung von Werk-lehrer/innen berechtigt war ein städtisches Arbeitsschulseminar im Souterrain des Kunst-gewerbemuseums, später untergebracht in der Schule Blücherstraße bzw. einem Gebäude in der Eisenstraße.“ Im Rahmen eines bescheidenen Faltblattes stelle sich die Einrichtung wie folgt vor: „Eine Ausbildungsstätte für Lehrer auf der Grundlage des  Arbeitsschulprinzips. Es kommen Lehrer, die im Beruf stehen und Jugendpfleger sowie Eltern, die die eigene Hand-fertigkeit schulen wolle. Man will helfen, alle Sinne aufzurühren, beweglich zu machen, in Tä-tigkeit zu setzen und aus dem Nichts schaffen zu können.“

 

In einem Verwaltungsbericht für den Bereich vom 1.4.1949 – 31.3.1950, den wir im Stadt-archiv einsehen konnten, lesen wir: „Am 1.11.1949 wurde mit Unterstützung  der Schulauf-sichtsbehörde das  Seminar für werktätige Erziehung eingerichtet. Der Unterricht begann mit 25 Teilnehmern. Als Leiter wurde vorläufig bis 30.9.1950 der Professor i. R. Wilhelm Michel bestellt. Gemeldet sind  12 männliche und 13 weibliche Teilnehmer.“ Im Verwaltungsbericht für die Zeit vom 1.4.1950 – 31.3.1951 wurde berichtet, dass im Oktober 1950 die erste Ab-schlussprüfung mit  21 Teilnehmern und im März 1951 die zweite mit 18 Teilnehmern durch-geführt werden konnte. Alle Prüflinge haben die Abschlussprüfung bestanden. Die Prüfungs-kommission und auch die Schulaufsichtsbehörde seien mit den Prüfungsergebnissen „außerordentlich zufrieden“ gewesen. Konnten sie auch, denn es herrschte Lehrermangel an den Volksschulen. Die Kollegien konnten die Verstärkung durch Fachlehrer für Werken gut gebrauchen.

 

Dem zweiten Bericht entnehmen wir weiter: „Dem Seminar wurde eine Schulbaracke auf dem Gelände der Freilichtbühne mit zwei Klassenräumen und zwei Nebenräumen zur Verfügung gestellt. Hier konnten die Metallwerkstätten des Seminars vorbildlich untergebracht werden. Darüber hinaus wurde der Schulleitung ein bescheidener Raum als Amts- und Geschäfts-zimmer in den Räumen am Räuscherweg eingerichtet.“ Der Berichterstatter beklagt am Schluss: „Leider hat das Kultusministerium den zugesagten Staatszuschuss für 1950 im Betrage von 6000,- DM für das Seminar nicht gewährt.“
Das Werkseminar war bis Mitte der 70er Jahre eine Ausbildungsstätte für Fachlehrer. Freiberufliche Pädagogen, aktive Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Studenten der Kunst-akademie konnten je nach Vorbildung in ein bis sechs Semestern in Werkstätten für Holz, Metall, Pappe oder Textilien nach praktischer und mündlicher Prüfung Fachlehrer werden und die Lehrbefähigung im Fach Werken erwerben. Für Volksschullehrer, die ihrer Ausbildung nach pädagogischen Zehnkämpfern ähnelten, wurden Studiengänge angeboten, in denen sie Werken als Wahlfach erwerben konnten. Prof. Hermann Michel, der erste Leiter des Werkseminars „verfügte in vielerlei Hinsicht über eine langjährige berufliche Erfahrung im Bereich der Werkerziehung. Seit seiner Ausbildung als Werklehrer am Ausgang des ersten Weltkrieges war der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie mit der Entwicklung des Werkunterrichtes bzw. der Einrichtung von Werklehrerseminaren u. a. als Professor der Kunstakademie Kassel tätig gewesen.“ (Scheffler-Rother) Als Dozenten standen ihm u. a. Künstler, Handwerker, Werk- und Kunstlehrer (u. a. aus den Schulen an der Aachener Straße, wie Stoye, Fabritz und Baum) zur Seite. Viele Absolventen wurden anerkannte Künstler und Dozenten.

 

 

 

 


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Der Autor hat 1961 bis 1963 selbst fünf Semester lang im Werkseminar Räuscherweg Holz, Metall, Pappe und Zeichenpapier bearbeitet. Er hat viele Anregungen für den Werkunterricht und auch für das heimische Werken bekommen, und einige Werkstücke aus dieser Zeit sind noch heute im Gebrauch. Nicht mehr vorhanden sind die geometrischen Körper aus Lederpappe, die bei Erwin Heerich, der 1961 als Lehrer am Werkseminar eine Anstellung erhielt, zusammengeklebt  wurden. Offenbar Vorübungen für seine 10 Kartonplastiken, die Heerich 1968 auf der 4. Documenta in Kassel ausstellte. Wer konnte damals ahnen, dass Heerich einmal zu den wichtigsten deutschen Bildhauern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen wird. Wer die Museumsinsel Hombroich besucht, kann in den Gebäuden gut ein Dutzend seiner stereometrischen Großskulpturen durchschreiten.

 

 (Aus: Bilker Sternwarte 5/2016, Zeitschrift der Bilker Heimatfreunde) 


Quellen der Bilddateien:

Lageplan - LVR

Steinmeyers Werkschule vor dem Umbau - Stadtarchiv Düsseldorf 028-710-007

Werkraum für Pappe in Steinmeyers Werkschule um 1925 - Archiv Fuhrmeister

Steinmeyers Schulgebäude heute (rechts) - Jürgen Fuhrmeister

Steinmeyers Werkschule heute - Jürgen Fuhrmeister